Der sprechende Geist der Kokosnuss und die Bonitofischkanus von Owa Raha (Solomon-Inseln)

Die Menschen auf der kleinen Insel Owa Raha an der Südspitze der Solomonen glauben an ein Leben nach dem Tod. Der Tod hat für sie nichts Beängstigendes, er ist ihnen auch nicht fremd. Sie sehen, dass ringsum die Natur stirbt und immer wieder in einer anderen Form erwacht. Und so ist auch der Mensch nach ihren animistischen Vorstellungen nicht an ein Leben auf der Erde begonnen. Der Tod wird bei ihnen nicht gefürchtet, sondern gefeiert. Der österreichische Ethnologe Hugo Adofl Bernatzik schildert in seinem Buch Südsee die Rituale, die die Angehörigen eines Sterbenden vollziehen. Wenn ein alter Mann seine letzte Stunde nahen fühlt, ruft er seine Verwandten zusammen, damit sie ihm beim Sterben zusehen.

 Der Sterbende wird in festliche Kleider gehüllt und mit kostbaren Muschelketten behängt, die er von seinen Vorfahren geerbt hat. Wenn er nun stirbt, dann entflieht seine Seele dem Körper und schwebt, für die Anwesenden unsichtbar, durch den Raum. Die Verwandten stellen sich zu beiden Seiten des Leichnams auf, und der Priester, der die nun folgende Trauerzeremonie leitet, bestreicht die Stirn jedes Anwesenden mit Kalkmilch. Dann öffnet er eine noch urnreife, grüne Kokosnuss und hängt sie an einer Schnur über dem Toten auf. Schweigend knien die Trauergäste auf der Erde. Der Priester beginnt mit Hilfe von Beschwörungsformeln die Ahnen des Verstorbenen anzurufen. Auf diese Weise teilt er ihnen mit, dass bald ein Verwandter zu ihnen hinüberwechseln wird. Er bittet sie, diesen gnädig in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Dann wendet er sich wieder der anwesenden Trauergemeinde zu und bittet sie, nun von der Seele des Verstorbenen Abschied zu nehmen. Durch seine Beschwörungen versetzt er sich in eine Art Trancezustand, bis er schließlich ruft: Seht auf die Kokosnuss, der Geist spricht zu Euch! Die Anwesenden starren auf die Kokosnuss und sehen, wie sich eine Gestalt auf die Kokosnuss zu bewegt. Diese Gestalt sieht ihrem Verstorbenen aber nicht ähnlich, sondern gleicht der Seele eines schlafenden Menschen. Die Beschwörungen des Priesters zwingen diese Seele, auf die Kokosnuss zuzugehen und zu versuchen, von der Kokosnuss zu trinken. Aber nur der Seele des Toten ist es erlaubt, von dieser sakralen Nuss zu nippen. Wenn die Seele eines Schlafenden davon trinken würde, so würde im gleichen Augenblick der unter der Kokosnuss ruhende Tote endgültig sterben. Also muss der Priester mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, dies Unglück zu verhindern. Er stellt sich der fremden Seele entgegen und versperrt ihr den Weg zur Kokosnuss. So zwingt er die fremde Seele schließlich zu verschwinden. Stattdessen wird nun die Seele des Verstorbenen sichtbar, sie geht auf die Kokosnuss zu und trinkt aus ihr. Dies ist das einzige Mal, bei dem die Anwesenden die Seele ihres geliebten Verwandten sehen können. Die Anwesenden wünschen ihr viel Glück auf ihrem weiteren Weg. Die Seele verschwindet, bleibt jedoch für die Anwesenden unsichtbar in der Nähe des Leichnams. Denn die Seele hat große Angst davor, ins Schattenreich hinüberzuwechseln. Sie sieht die vielen bösen Geister, die ihre lebenden Verwandten bedrohen und auf der anderen Seite die Seelen der Vorfahren, die versuchen den Lebenden zu helfen und ihren Anteil an den Opfergaben zu bekommen. Denn die ängstliche Seele des Verstorbenen weiß noch nicht, dass von jenen bösen Geistern nicht zu befürchten hat, da sie unsterblich ist. So folgt die Seele schließlich dem Toten in sein Grab unter die Erde. Aber am fünften Tag lockt die aufgehende Sonne die Seele wieder aus dem Grab hervor und eine unsichtbare, starke Macht zieht sie an die Oberfläche. Dort wartet die Seele, bis es dunkel wird und dann wandert sie im fahlen Mondlicht ans Meer. Dort wird sie schon von dem Fährmann mit seinem Boot erwartet, der sie ins Reich der Geister bringen wird. Die Seele setzt sich still in das Boot, und der Fährmann rudert sie ebenso schweigend hinüber zur Insel Malau Alite.

Dort steht am Eingang einer riesengroßen Höhle ein weiblicher Geist, dessen welke, große Brüste bis auf die Hüften herabhängen. Dieser Geist bewacht die Höhle; er prüft die neue Seele, ob sie die vorgeschriebenen Tätowierungen und viele andere Merkmale ihrer früheren gesellschaftlichen Stellung aufweist. Wessen Seele dieser strengen Überprüfung nicht in allen Punkten entspricht, der wird mit einem Fußtritt des Wächters in die Höhle geschleudert, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Wer aber die Prüfung besteht, dessen Seele darf hinüber nach Malafa fliegen. Diese mystische Insel Malafa liegt in der Nähe von Guadalkanar und ist das Paradies. Hier können die Seelen endlich ein sorgenfreies, glückliches Leben führen. Das Leben auf Malafa gleicht einem Schlaraffenland. Es gibt reichlich Taro und Jamswurzeln zu essen und viele Schweine und Fiche lassen sich ohne große Anstrengung erbeuten. Die Erde ist hier so fruchtbar, dass man das Land noch nicht einmal urbar und den Dschungel auch nicht roden muss, bevor man einen Gemüsegarten anlegen kann.
Ohne Zutun wächst und gedeiht alles von selbst. Und für die Liebe gibt es auf dieser Insel wunderschöne Frauen und Knaben. Diese Seelen können aber auch – wenn sie dies wollen – die Insel Malafa verlassen und hinüber zu ihren Heimatdörfern fliegen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Sie kommen in guter Absicht und wollen ihren lebenden Verwandten helfen, um so mehr, je mehr ihnen von deren Opfergaben dargebracht werden. Während es der glücklichen Seele also gut geht und sie sich frei bewegen kann, liegt der Leichnam des Verstorbenen noch immer in seinem Grab. Doch nach drei Monaten dürfen ihn die Angehörigen nachts ausgraben, reinigen und waschen, in Bastmatten wickeln und auf ein Gestell im Sakralbau ihres Kanuhauses aufbahren. Um den Geist, der über das Ausgraben des Leichnams erzürnt sein könnte, zu besänftigen, muss ein Schein geopfert werden. Der Priester schneidet aus dem Nacken des getöteten Schweins einen Streifen Fleisch und röstet dies Fleisch auf den heiligen Steinen in der Mitte des Raumes. Der Duft dieses gebratenen Fleisches erfüllt das ganze Haus. Der herrlich duftende Rauch steigt auf bis zu den Schädeln der Ahnen, die in den großen hölzernen Bonitofischkanus aufbewahrt werden. Bonitofische sind kleine Thunfischarten, die von den Bewohnern von Owa Raha für heilig gehalten werden. Denn sie stehen unter dem besonderen Schutz von Geistern und Haifischen. In den aus Holz geschnitzten und mit Tridacnamuscheln reichlich ausgelegten Bonitofischkanus werden die Schädel ihrer Stammesfüher und adligen Häuptlingen aufbewahrt. Ein ebenfalls aus Holz geschnitzer Schutzgeist hält eine kleine Nachbildung der Figur vom Bug des Bonitofischkanus in den Händen, meist ist dies die Nachbildung eines Fregattvogels, der einen Bonitofisch in seinem Schnabel hält.

Wen die Ahnen den köstlichen Duft des gebratenen Schweinefleisches wahrnehmen, dann wissen sie, dass man ihrer gedacht hat und deshalb werden ihre Seelen die lebenden Menschen beschützen. Beschwörungsfromeln murmelnd, verzehrt der Priester dies Stück Fleisch. Dann dürfen auch alle anderen an diesem Mahl teilhaben. Einieg monate vergehen, bis ein neues großes Fischkanu geschnitzt worden ist. Miest hat er die Gestalt eines Bonitofisches. Gehört der Verstorbene aber dem Stamm der Haifische an, dann erhält das Kanu das Aussehen eines Hais. Nach einem halben Jahr wird ein Fest abgehalten und die Gebeine des Verstorbenen bekommen ihren endgültigen Platz in der heiligen Kanuhalle, der Aofa. Schädel und Kinn werden in das für den Verstorbenen geschnitzten Bonitofischkanu gelegt und am Gestell der Aofa aufgehängt. Die übrigen Knochen werden in einen speziellen Sarg gebettet, der aus den beiden Spitzen des Kanus besteht, welches einst dem Verstobenen gehörte. Dieser Sarg wird auf das Gestell gelegt.
Man steckt dem Bonitofisch die ersten Früchte, meist Nüsse, die im Garten geerntet wurden, in den Mund. Kostbare Muschelketten werden um das hölzerne Bonitofischkanu gehängt zum Schutz vor Krankheiten, die den Stamm heimsuchen könnten. Immer wieder opfern die Nachkommen Generation für Generation den Gebeinen ihrer Vorfahren, um so ihre Verbundenheit mit dem Ahnen auszudrücken.