Famadihana – die Umwendung der Toten in Madagaskar

Im Glauben der Madagassen behalten die Ahnen immer einen festen Platz in der Familie. So lenken ihre Verstorbenen aus dem Jenseits die Geschicke der Lebenden. Daher bestimmt die Verehrung ihrer Toten zu einem großen Teil das religiöse und kulturelle Leben. Zu den zentralen Pflichten im Leben der traditionellen madagassischen Dorfgemeinschaft gehört es daher, die Vorfahren in Ehren zu halten und sich um die sterblichen Überreste und die Gräber der Toten zu kümmern.

So entwickelte sich im Hochland bei den Stämmen der Betsileo und Merina das Fest der Famahidana – die Umwendung der Toten. Solch ein Fest zu Ehren des Verstorbenen wird alle fünf bis zehn Jahre abgehalten. Den richtigen Zeitpunkt für die Famahidana bestimmte früher der Dorfschamane, der Ombiasy. Der Schamane bestimmt auch, welche Tiere, Pflanzen, Personen und Stätten mit einem Tabu belegt sind. Solch ein Fady wirkt deshalb besonders stark, weil es mit der Verehrung der Ahnen verbunden ist. Wird ein Fady übertreten, so musste dieser Tabubruch früher mit einer Famahidana gesühnt und die Geister der Ahnen damit wieder besänftigt werden. Solch ein Fady bestimmt oft ein ganzes Netz aus Verboten, aber auch Geboten und beeinflusst auch heute noch das Leben in der Familie und in der Dorfgemeinschaft. Der Ursprung eines solchen Fadys liegt oft lange Zeit zurück. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Sinn und Inhalt scheinen dabei verloren gegangen zu sein und sind dem einzelnen Mitglied der Dorfgemeinschaft nicht mehr verständlich. Und doch hält man sich an das Fady, auch wenn es den praktischen Alltag des Einzelnen einschränkt und sich Außenstehenden als unsinnig erscheint. Man befolgt es, weil man glaubt, dass die Ahnen nicht ohne Grund das Fady bestimmt haben. Andererseits regeln solche Fadys das Zusammenleben in Familie und Dorfgemeinschaft und tragen damit zu ihrem Fortbestand bei. Nur der Dorfälteste darf ein altes Fady aufheben oder ein neues einführen.

Auch der Tourist tut gut daran, sich an solche Fadys zu halten. Das gilt besonders beim Besuch von Gräbern, die oft mit besonders vielen Fadys belegt sind. Manche Grabstätten sind für Fremde tabu und dürfen nicht betreten werden. Auf eigene Faust Reisende sollten sich daher vorher beim Ältesten der Dorfgemeinschaften erkundigen nach den geltenden Fadys und um eine Besuchserlebnis der Grabstätten bitten. Oder man schließt sich einer Reisegruppe an, die von einem mit den örtlichen Gepflogenheiten vertrauten Reiseleiter geführt wird.

Heute bestimmen weniger Fadys, sondern praktische Erwägungen den Zeitpunkt der Famahidana, der Umwendung des Verstorbenen. Auf Arbeitssuche und um den Lebensunterhalt für die daheim gebliebene Familie zu verdienen, sind viele Madagassen gezwungen, fernab ihrer Dorfgemeinschaft zu leben, oft sogar ins Ausland zu emigrieren. Doch auch für Madagassen, die  schon seit mehreren Generationen woanders leben, wird ihre Heimat immer das Dorf bleiben, wo ihre Vorfahren im Familiengrab ruhen. Und man will dort auch begraben werden. Daher gilt es als selbstverständlich, dass alle Familienangehörigen an einer Famahidana teilnehmen müssen. Das wirft finanzielle und logistische Probleme auf, und so muss erst einmal viele Monate gespart werden, um die Anreise aller und die Ausrichtung des Festes bezahlen zu können. Denn je größer das Fest, je mehr Clanmitglieder teilnehmen und je höher die Zahl der geschlachteten Zeburinder  ist, desto mehr wird dem Ansehen des Verstorbenen gedient. Das gilt zwangsläufig auch umgekehrt, je höher Stellung und Ansehen des Toten einst in der Dorfgemeinschaft war, desto üppiger muss das Fest ihm zu Ehren ausgerichtet werden. Denn auf Madagaskar gilt die Redensart „ Das Haus wird nur für ein Leben gebaut, das Familiengrab aber für die Ewigkeit“.

Eine solche Famahidana ist nun aber überhaupt kein besonders trauriges Ritual. Im Gegenteil, es wird ausgelassen gefeiert – der Würde des Toten angemessen. Das ganze Dorf wird eingeladen, eine Musikgruppe bestellt und ausgiebig gefeiert, viele Zeburinder geschlachtet. Dazu muss sich der Familienclan oft für viele Jahre verschulden. Die sterblichen Überreste der Verstorbenen werden ausgegraben, gewaschen und in neue Tücher aus teurer Seide, Leinen oder in Bastmatten gehüllt, das hängt von der jeweiligen Region ab. Die Tücher, in die die sterblichen Überreste gehüllt werden, werden Lambamena genannt. Dann wird der Tote von einigen mit ihm eng verwandten Männern geschultert und durchs Dorf getragen, begleitet vom schrillen Lärm der Musik- und Tanzgruppe. Der Verstorbene kehrt für einige Stunden in den Kreis seiner Familie zurück und soll am Dorfleben teilnehmen dürfen. Dazu macht die Festgesellschaft vor jedem Haus, an jedem Platz halt und der Ombiasy als Mittelsmann erstattet dem Verstorbenen Bericht, was seit seinem Begräbnis oder der letzten Famahidana alles passiert ist, der Verstorbene wird so quasi auf den neuesten Informationsstand gebracht. Man zeigt ihm neu angelegte Felder, den Ernteertrag, neu errichtete Häuser und Hütten und stellt ihm die jüngsten Familienmitglieder persönlich vor. Freud und Leid werden ihm erzählt; dabei wird auch vor im Dorf kursierenden Gerüchten, Klatsch und Tratsch nicht Halt gemacht. Auch die Angehörigen des Verstorbenen erzählen ihm von ihren Nöten und Sorgen und bitten um Abhilfe und Fürsprache bei den Ahnen.
Es wird gefeiert, musiziert, getanzt und ein üppiges Festmahl abgehalten. Oft kommen Hunderte des Familienclans zusammen, auch Freunde und Gäste werden eingeladen. Man lässt sich auf einer Wiese nieder und verzehrt in feierlich-fröhlicher Runde Berge von Zebufleisch und gekochtem Reis. Schließlich wird der neu eingekleidete Tote wieder ins Familiengrab gebracht und er kehrt für einige Jahre in den Kreis seiner Ahnen zurück – bis zur nächsten Famahidana.

Doch der tiefere Sinn einer solchen Famahidana beschränkt sich nicht auf die Umwendung der Toten. Es geht dabei auch um den Transfer von der diesseitigen in die andere Welt und zurück. Im tiefverwurzelten Glauben der Madagassen gibt es im Jenseits kein Himmel und Hölle. Jeder Verstorbene wird in das Reich der Ahnen zurückkehren. Einen Platz im Himmel muss man sich nicht erst – wie im Christentum – durch ein besonders gottgefälliges Leben verdienen.

Die Ursprünge der Famahidana reichen bis in die Zeit um die Jahrtausendwende zwischen dem 9. und 12.Jahhundert n.Chr. zurück. Damals wanderten Volksgruppen aus Indonesien ein. Der Legende nach fand ein hochverehrter Anführer der Gruppe bei der Landung bei Maroansetra den Tod. Sein Angehörigen mussten ihn dort bestatten und zurücklassen, als sie weiter ins Hochland von Madagaskar zogen. Doch sie hatten ihn nie vergessen. Nachdem sie sich nach einigen Jahrzehnten eine neue Existenz aufgebaut hatten, kehrten sie an die Küste zurück, gruben die Gebeines ihres Vorfahren aus, kleideten ihn neu ein und brachten ihn in ihre neue Heimat, wo er seine endgültige Ruhe im Familiengrab des Clans finden konnte.

Nach der Famahidana kehrt der Tote ins Schattenreich zurück und beobachtet im Kreis seiner Ahnen, den Razanas, das Leben und Treiben seiner Nachfahren.