Gris Gris auf den Seychellen

Der Voodoo-Kult kam mit den Sklaven aus Westafrika in die Karibik, wo sich bis heute viele Zeremonien und Riten, darunter auch kultische Bestattungsriten, wenn auch im Verborgenen, gehalten haben. Aber auch im Indischen Ozean haben sich zahlreiche Rituale und Glaubensvorstellungen, die mit den aus Madagaskar und Ostafrika verschleppten Sklaven auf die Inseln kamen, erhalten. Hier im Indischen Ozean nennt man es nicht Voodoo, sondern Gris Gris oder Gri Gri.  Als Gris Gris wurde ursprünglich ein Fetisch des Voodoo-Meisters bezeichnet. Im Süden von Mauritius, wo die meisten Kreolen, Nachfahren afrikanischer Sklaven, in kleinen Dörfern siedeln, gibt es sogar ein besonders wildzerklüftetes, sturmumtostes Cap mit dem Namen Gris Gris.

Der alte Friedhof auf LaDigue, der viertgrößten bewohnten Seychelleninsel
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Anthalie Ducrotoy schildert in ihrem Buch Beautiful Isles, Beautiful People – A family in olde Seychelles 1780 – 1995 (erschienen 1995 bei Rawling Publications in Kent) einen Vorfall, der sich in den 1950-ziger Jahren auf der Insel La Digue zugetragen haben soll:

Großmutter Edmond nahm eines Nachmittags an der Beerdigung eines kleinen Jungen aus der Nachbarschaft teil, der im Alter von 4 Jahren völlig unerwartet gestoben war. Wie in den Tropen üblich, fand die Beerdigung noch am selben Tag statt. Der Gatte von Madame Edmond kam nicht mit, sondern ging stattdessen ins Dorf, um sich zu betrinken. Spätabends kam er heim und fiel wie ein Stein ins Bett, um seinen Rausch auszuschlafen.

Die Großmutter bereitete für sich und ihre Tochter das Nachtlager vor, als sie plötzlich ein Raunen rund um ihr Haus vernahm: „… Da ist er, krieg ihn, da läuft er…“ Die Großmutter erschrak und öffnete einen Spaltbreit den Holzladen vor ihrem Fenster, um zu sehen, was dort los war.

Da sah sie in der Mondschein-hellen Nacht den kleinen Jungen, den sie tags zuvor zu Grabe getragen hatten. Das Kind war deutlich zu erkennen, denn es trug das Nachthemdchen, in dem es bestattet worden war. Auch ihre Tochter Bella war aufgewacht und starrte entsetzt auf die nächtliche Szenerie. Der Junge rannte hin und her und versuchte sich im Schatten der Bäume und des Hauses zu verstecken. Schließlich verschwand er in der Dunkelheit, um seinen Häschern zu entkommen.

Großmutter Edmond versuchte ihren  Gatten aufzuwecken; sie piekte ihn sogar mit ihrer Hutnadel. Doch der schlief weiter seinen Rausch aus. Hin und hergerissen zwischen panischer Angst und dem Wunsch, dem Kind beizustehen, trauten sich die beiden Frauen nicht aus dem Haus.

Als Grand Edmond am nächsten Tag ihren Verwandten von den nächtlichen Vorfällen erzählte, rieten sie ihr dringend, den Behörden irgendetwas davon mitzuteilen. Sonst wäre vielleicht auch ihr eigenes Enkelkind in Gefahr. Denn es war bekannt, dass es noch in jenen Jahren Medizinmänner gab, auf den Seychellen Witch Doctors genannt, die Mixturen kannten, mit denen sie Menschen vorübergehend ins Koma und in einen Scheintot versetzen konnten. Das Opfer war dabei soweit paralysiert, dass nur noch der Tod festgestellt werden konnte. Nach dem christlichen Begräbnis im Kreis seiner Familie wurde der Körper des Scheintoten vom Witch Doctor und dessen Helfern heimlich exhumiert und mit einem Gegenmittel wieder zum Leben erweckt. Anschließend wurde das Opfer endgültig in einem rituellen Mord geopfert. Man erzählt sich damals, dass Hunde und Katzen auf diese Weise umgebracht würden, um aus ihrem Körperfett Kerzen für den Gris Gris-Kult zu gießen.

Am folgenden Tag nun fand man einige Innereien auf einem Fels liegend in der Nähe des Strandes. Die Behörden wurden alarmiert und einige der Dorfbewohner aus der Nachbarschaft verhört. Sie sagten aus, dass dort ein Schwein geschlachtet worden sei. Mit dieser Erklärung gaben sich die Beamten zufrieden. Die Überreste wurden beseitigt und vergraben.
Die Dorfbewohner waren von dieser Version nicht so recht überzeugt, hielten aber still. Denn jeder wusste, wenn ein Schwein geschlachtet wurde, dann wurden alle Teile verwendet, auch die Innereien…