Pura Dalem – die Tempel des Todes auf Bali - Indonesien

Bali gilt als die Insel der Götter und Dämonen. Der Islam hat sich im Gegensatz zu anderen Inseln Indonesiens auf Bali nicht durchsetzen können. Kultur und Religion sind vom Hinduismus geprägt. Außerhalb der Touristenzentren wird das tägliche Leben von der traditionellen Dorfgemeinschaft geprägt. Auf Bali gibt es mehr als 20.000 Tempelanlagen. Zu den Gemeinschaftsaufgaben gehört daher Instandsetzung und Unterhaltung der Tempel. Im Allgemeinen hat jedes Dorf drei Tempel: Neben einem Tempel, der den lebenden Dorfbewohner zur Pflege ihres Glaubens dient und den Rahmen für die Rituale der tiefgläubigen Balinesen dient, gibt es einen Tempel, der den Ahnen geweiht ist, und einen Tempel der toten Seelen.


Agama Hindu Bali, die Religion der Balinesen ist eine Mischung aus Buddhismus und Hinduismus und den Ritualen eines traditionellen Ahnenkultes. Das Innere der Tempel ist nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Am wichtigsten ist die Ausrichtung nach den Bergen, den die Gipfel der Vulkane sind nach dem Glauben der Balinesen der Sitz der Götter. Das religiöse Leben wird von den zahlreichen Opfern und Tempelfesten bestimmt. Der balinesische Kalender, der nur 210 Tage pro Jahr kennt, legt mehr als 200 Feste fest.

Das wichtigste religiöse Fest im Leben der Balinesen bleibt aber die Zeremonie der Totenverbrennung – die letzte Reise der Toten, auf der die Seele des Verstorbenen von seinem Körper befreit wird, damit er durch Reinkarnation in einem neuen, besseren Leben auf die Welt zurückkehren kann.
Dabei ist die Leichenverbrennung selbst nur der Schlusspunkt einer Reihe von Ritualen. Die Kosten der Zeremonie sind hoch, und so muss manche Familie lange Zeit, oft Jahre, sparen, bis sie sich die Totenverbrennung ihres Angehörigen leisten kann. Daher wird der Tote in weiße Tücher gehüllt und zunächst ohne jede Zeremonie auf dem Friedhof beerdigt. Dann beginnt eine rituelle Reinigung des Hauses, in dem der Verstorbene gelebt hatte. Auch alle Verwandten, die mit dem Verstorbenen zusammen gelebt haben, müssen sich einer Reinigung unterziehen; ebenso werden alle Gegenstände, die der Tote benutzt hat, gereinigt. Einige Tage später führt dann ein Priester nochmals eine spirituelle Reinigung durch. Dem Toten werden täglich bis zur Exhumierung Essen und Trinken ans Grab gebracht, damit er nicht Hunger leiden muss. Dieser Brauch beschränkt sich allerdings nicht auf die Insel Bali, sondern ist bei vielen Völkern im Indopazifik verbreitet. Selbst im fernen Tahiti werden dem Verstorbenen in der ersten Zeit Speisen und Getränke aufs Grab gestellt, da man sonst Angst haben muss, dass er als böser Geist ums Haus streicht, um sich selbst das Nötigste zu stehlen oder von Abfällen und Fäkalien leben muss.

Die bevorstehende Totenverbrennung wird von den Angehörigen aber nicht als finanzielle Belastung gesehen, sondern als ein freudiges Fest, bei dem der Verstorbene eine Stufe weiter auf dem Weg ins Nirwana gelangen kann. Nicht nur die Verwandten sollen an diesem Fest teilnehmen, die ganze Dorfgemeinschaft wird dazu eingeladen. Frühestens 42 Tage nach dem Ableben kann die Totenverbrennung vollzogen werden. Aber in der Regel dauert es länger, bis die Angehörigen genug zusammen gespart haben, um das aufwendige Fest finanzieren zu können. Außerdem braucht es einige Zeit, bis der Sag in Tiergestalt und der mehrstufige Totenturm von den Dorfbewohner fertig gestellt und verziert worden ist.

Kurz vor dem Beginn der festlichen Totenverbrennung, werden die sterblichen Überreste ausgegraben, in weiße Tücher gelegt und von den Männern in einem prachtvoll geschmückten Totenturm zum Verbrennungsplatz getragen. Diese bis zu 10m hohen hölzernen, pagodenförmigen Türme werden auf ihrem Traggestell aus Bambusstangen von den Männern immer wieder unter lautem Geschrei im Kreis gedreht. Damit sollen die bösen Geister vertrieben werden. Aus der Höhe und dem Grad der prachtvollen Verzierungen soll auf das Ansehen und die Kastenzugehörigkeit des Verstorbenen geschlossen werden.

Auf dem Verbrennungsplatz angekommen, wird der Tote in einen Sarg gelegt, der in der Regel nicht aus Holz, sondern aus Pappmaché besteht und häufig als Tier gestaltet ist. Angehörige höherer Kasten bekommen zum Beispiel einen Sarg in Form eines Löwen oder eines Rindes. Dann werden Totenturm und Sarg verbrannt. Mit der Einäscherung soll die Seele von den Elementen des irdischen, körperlichen Lebens befreit werden, der Erde, dem Feuer, der Luft, dem Äther und dem Wasser.

Die Asche wird gesammelt und von den Dorfbewohnern in einer feierlichen Prozession zum Strand gebracht und dort dem Meer übergeben. Dem Körper des Verstorbenen wird während der gesamten Zeit des Bestattungs- und Verbrennungsritual kaum Aufmerksamkeit geschenkt, sie gehört der Seele des Verstorbenen, die von der Last des Körpers befreit werden muss.