Trauerrituale im Hinduismus

Im Zentrum des Hinduismus steht der ewige Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Durch gute Taten kann man sich im nächsten Leben aus diesem Kreislauf von Wiedergeburten befreien und ins Nirwana eintreten, um seine Seele mit Brahman, der Weltseele, zu verbinden. Daher hat der gläubige Hindu weniger Angst vor dem Tod als vor der Wiedergeburt und dem nächsten Leben. Sterbende müssen ihre Leiden und Schmerzen still ertragen, schmerzlindernde Mittel sind vielfach verpönt. Die Paleativmedizin spielt daher in Indien kaum eine Rolle. Stattdessen gibt man dem Sterbende Amulette, Gebetskeren und Bilder der von ihm verehrten Götter mit.


Im Hinduismus verläuft das irdische Leben in vier Phasen: Im ersten Abschnitt steht die Erziehung im Vordergrund, im zweiten das Wirken in dieser Welt, dann folgt die Zeit der Ablösung von dieser irdischen Welt und schließlich wartet man darauf, dass einen der Tod befreit. Bereits im dritten Abschnitt seines Lebens bereitet sich der Mensch auf sein Sterben vor und beginnt sich allmählich von der irdischen Welt zu lösen, ist aber gelichzeitig noch bestrebt, seine Lebenserfahrung Angehörigen, Freunden und Bekannten mitzuteilen. Im Angesicht des nahen Todes schließlich befreit sich der Sterbende auch von dieser letzten Bindung und vereint stattdessen Seele und Geist mit Brahman.

So findet der Sterbende im Hinduismus durch diesen langen Ablösungsprozess auch Trost und kann sich schrittweise mit dem Gedanken an den nahenden Tod befassen, der dadurch etwas von seinem Schecken verliert. Schließlich kann er sich erleichtert auf den Weg zu seiner nächsten Existenz begeben.

Häufig wird der Sterbende durch einen Brahmanen, einen Hindu-Priester, mit Gebeten unterstützt. Der Priester hilft ihm, sich in das Unvermeidbare zu fügen und den Tod hinzunehmen. Dazu gehört es auch, dass der Hindu-Priester als Zeichen seines Segens dem Sterbenden Schnüre um die Hand oder den Hals legt. Hindus sind es gewohnt sich täglich von Kopf bis Fuß zu waschen und auch rituelle Waschungen in einem Fluss oder unter fließendem Wasser gehören zum Leben eines Hindus dazu, denn stehendes Wasser gilt als unrein. So ist es verständlich, dass auch der Sterbende sich noch einmal einer Ganzkörperwaschung unterziehen möchte. Dabei helfen ihm die Angehörigen oder –wo dies nicht möglich ist- das Pflegepersonal gleichen Geschlechts.  Auch die Angehörigen müssen lernen, den Tod nicht zu beklagen, wohl aber den Verstorbenen zu beweinen und sich in ihrer Trauer gegenseitig zu trösten.

Ist schließlich der Tod eingetreten, so gießt der Hindu-Priester etwas geweihtes Wasser in den Mund des Toten. Danach wird der Leichnam auf den Boden gelegt, von den Angehörigen nochmals gewaschen, auf ein weißes Laken gebettet und rings um ihn herum werden  brennende Öllämpchen aufgestellt und etwas Weihrauch verbrannt. Mit dem Weihrauch will man die guten, reinen Geister anlocken. Das Gesicht des Verstorbenen wird mit einer Paste aus Sandelholz und rotem Pulver bestrichen. Dann wird der Leichnam in das weiße Laken gehüllt, welches  mit Blumen bestreut wird. Verwandte, Freunde und Nachbarn können dem Toten nun kondolieren, Blumengebinde bringen und ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen.

Nun bringt man den Toten auf einer Bahre aus Bambusstangen zum Verbrennungsplatz. Dabei wird die Bahre so getragen, dass die Füße des Toten zum Ort der Einäscherung zeigen. Denn so sieht der Körper seinem zukünftigen Leben entgegen. Der Leichnam wird mehrmals um den Holzstoß herumgetragen und schließlich darauf gebettet. Danach geht einer der nächsten Angehörigen mehrmals um den Einäscherungsplatz herum, wobei er jedes Mal einen mit Wasser gefüllten Tontopf anbohrt.



 The burning ghats where bodies are cremated and a burial price is set according to the weight of the wood Varanasi Benares India
Foto: Jorge Royan, Creative Commons License Attr.-Share Alike 3.0 Unported)


Dabei fließt etwas Wasser aus dem Topf als Symbol für das Verlassen des Lebens. Nach der dritten Umrundung zerschmettert er den Tontopf auf den Boden, womit das Leben des Verstorbenen endgültig endet. Anschließend entfacht er mit abgewandtem Gesicht den Holzstoß.
 
Dabei wird dem Feuer eine magische Kraft zugeweisen. Wenn schließlich die Schädeldecke von der Hitze gesprengt wird, entsteht ein charakteristisches Knacken. Für  die Anwesenden ist dies das Zeichen, dass die Seele nun den Körper des Toten verlässt. Wenn das Feuer erloschen ist, wird die Asche in einen nahen Fluss gestreut, der sie stromab bis ins Meer trägt, begleitet von einer brennenden Kerze als Symbol für die Seele des Verstorbenen.

Höchstes Ziel eines gläubigen Hindus ist es, nach seinem Tod an den Ghats der heiligen Stadt Varanasi in Benares eingeäschert und dann dem heiligen Fluss Ganges übergeben zu werden. Denn hier kann die Seele direkt aus dem ewigen Kreislauf von Wiedergeburt und Leben erlöst werden. Wo dies nicht möglich ist, sprengt man wenigstens etwas geweihtes Wasser aus dem Ganges auf den Boden, auf den man den Verstorbenen in ein weißes Laken gehüllt legt.

Im Hinduismus wird der Tod also nicht als abruptes Ende des Lebens angesehen, sondern das Sterben wird als notwendiger Prozess beim Übergang in ein neues Leben oder in einen anderen Daseinzustand angesehen. Auch wenn Hindus nach Möglichkeit noch am Todestag eingeäschert werden sollten, die eigentliche Trauerzeit beginnt für Angehörigen erst danach und dauert 13 Tage lang. In dieser Zeit gelten die Angehörigen des Verstorbenen als unrein, dürfen den Tempel nicht betreten und auch nicht an religiösen Zeremonien und Festen teilnehmen. Auch bestimmte Lebensmittel sind in dieser Zeit tabu. Am zehnten Tag der Trauer rasieren sich die männlichen Verwandten des Verstorbenen die Köpfe kahl. Außerdem sind die Angehörigen angehalten eine Kuh zu spenden, oft aber nur in einer symbolischen Form. Innerhalb dieser Zeit an einem ungeraden Tag trifft sich die Trauergemeinde noch einmal zu einem gemeinsamen Essen. Dabei wird das Leibgericht des Verstorbenen serviert und ein Teil dieser Speisen an einem abgeschiedenen Platz zurückgelassen. Durch die Einhaltung dieser Trauerrituale soll dafür gesorgt werden, dass die Seele des Verstorbenen zu ihrem neuen Dasein aufsteigen kann.

Einen Monat nach der Einäscherung wird die Shraddha-Zeremonie abgehalten. Das Sanskrit-Wort Shraddha steht für Glaube und Vertrauen. Dabei werden der Gottheit, dem Verstorbenen und seinen  Ahnen Opfer in Form einer rituellen Speise gebracht.  Der Sohn oder ein anderer männlicher Nachkomme des Verstorbenen opfert dazu Reisklöße. Gibt es keinen männlichen Nachkommen, dann ist dies ein großes Unglück. Denn das bedeutet, dass der verstorbene nicht wiedergeboren werden kann und in einem Zwischenreich verharren muss. Dies Shraddha-Ritual wird jährlich am Todestag des Verstorbenen wiederholt. Während im Judentum, im Islam und im Christentum ein Grab mit einem Grabstein an den Verstorbenen erinnert, ehren Hindus ihre Toten und Ahnen mit einem Hausaltar.