Bestattungsrituale der Inuit im Permafrost

Viele Jahrhunderte hindurch zogen die Inuit als Nomaden durch die Arktis. Daher kannten sie keine Friedhöfe. Man bestattete die Toten auf dem gefrorenen Boden, indem man über dem Leichnam einen Hügel aus Steinen aufschüttete, um ihn vor wilden Tieren zu schützen. Zuvor wuschen die Frauen den Toten, flochten ihm das Haar und hüllten in Karibufelle ein und bettete  ihn mit dem Gesicht zum Himmel auf dem Permafrost-Boden.

Man nimmt an, dass die ersten Eskimos vor etwa 3000 Jahren von Asien aus über die Behringstraße, also lange nach der letzten Eiszeit und der Völkerwanderung der Indianer, nach Alaska eingewandert ist, und ein Teil von ihnen später bis nach Grönland weiterzog.
Archäologen entdeckten in der Nähe der einstigen Siedlung namens Qilakitsoq im Westen Grönlands ein etwa 500 Jahre altes Grab, welches acht vollständig erhaltene, mumifizierte Leichen enthielt. Diese Thule-Eskimos waren bereits ähnlich bekleidet und mit Steinen vor wilden Tieren geschützt, wie es bei ihren Nachfahren, den heutigen Inuit üblich war. Die Toten lagen jeweils zu viert aufeinandergeschichtet in dem Grab von Qilakitsoq. Das Grab  liegt unter einem Felsvorsprung und besteht aus großen, übereinander aufgeschichteten Steinen. Das Grab war mit Gras und Robbenfellen ausgekleidet. DNA-Analysen ergaben, dass alle Toten dem gleichen Familienclan angehört haben mussten.
Bis Mitte des 20.Jahrhunderts wurden bei den Inuit beim Weiterziehen, kranke Kinder und schwache Akte zurückgelassen und ihrem Schicksal überlassen oder sogar getötet, um das Überleben des Stammes zu sichern. Dabei gingen die Alten auf freiwillig in den Tod, indem sie sich erhängten. Sie zogen diesen gewaltsamen Tod einem allmählichen Dahinsiechen vor, da sie glaubten, dass ihre Seelen durch Selbstmord ins Qudlivun aufstieg, ein Paradies, indem ihnen ein glücklicheres Leben vergönnt war.
Früher dachten die Inuit, dass die Polarlichter am winterlichen Nachthimmel Zeichen ihrer Verstorbenen wären. Besonders die Kinder fürchteten sich vor diesen Geistern und versuchten durch pfeifen hinweg zu blasen. Früher gaben die Inuit ihren neugeborenen Kindern die Namen ihrer kurz zuvor verstorbenen Angehörigen. Denn so glaubte man, dass der Verstorbene durch das Kind ein zweites Leben bekommen würde. Auch heute noch werden die Namen „vererbt“.
Inzwischen sind die Inuit sesshaft geworden und wurde in kleinen Dörfern in Küstennähe angesiedelt. Und so werden ihre Toten nun auch auf Friedhöfen bestattet. An den Totenmessen, die in den kleinen Holzkirchen abgehalten werden, nimmt die ganze Dorfgemeinschaft teil. Ist der Angehörige während der Winterzeit verstorben, so wird der Leichnam in einer Holzhütte in Friedhofsnähe aufbewahrt, bis während der kurzen Sommerzeit die eigentliche Bestattung möglich ist. Wegen des ewigen Permafrostbodens kann das Grab nicht tief ausgehoben werden. Der Sarg wird auf die gefrorene Erde gestellt und ringsum mit Steinen bedeckt. Dazu kommt ein Holzkreuz mit dem Namen des Verstorbenen, das meist etwas schief steht, da es ebenfalls nicht in den Boden genügend tief eingelassen werden kann. Häufig sieht man auf oder neben dem Grabhügel eine Holzkiste, in der unter dem Glasdeckel der Grabschmuck und ein paar Kunstblumen aufbewahrt werden. Die vielen kleinen Grabhügel weisen daraufhin, dass auch heute noch unter den Inuit die Kindersterblichkeit hoch ist.