Bootsfahrt ins Jenseits – die Schiffsgräber der Wikinger auf Gotland (Schweden)

Die Insel Gotland tauchte nach der Eiszeit durch Hebung des Landes auf der Ostsee auf. Die Insel gilt als Mekka für Fossiliensammler. Das weiche Kalkgestein birgt jede Menge Belemniten, Ammoniten und fossiler Mollusken. Schon vor rund 8.000 Jahren wurde die Insel besiedelt. Diese ersten Siedler waren Sammler und Jäger, 4.000 Jahre später wurden sie von sesshaften Bauern verdrängt. Gleichzeitig treiben sie Handel mit zahlreichen Orten rund um die Ostsee. Aus diesem letzten Abschnitt der Steinzeit im Übergang zur Bronzezeit sind zahlreiche steinerne Denkmäler erhalten geblieben.


 



Gotland, Schiffsetzung Tjelvars Grab (Ort:Gemeinde Boge)
Foto: Jürgen Howaldt, Creative Commons License 2.0 Germany


Neben Pfahlbauten, Menhiren und Steinritzungen sind vor allem Hunderte von Grabanlagen erhalten geblieben: Man nimmt an das Schiffsetzungen und Bildsteine zuerst auf Gotland entstanden, während die sogenannten Trullhalsar, Grabkreise, Steinkisten und Radgräber sich auch an Schwedens Küste und anderen Ländern rund um die Ostsee finden. Im Freilichtmuseum von Bunge wurde ein ganzes Gräberfeld nachgebaut. Hier kann man neben einer weiteren Schiffsetzung, eine Grabkugel, ein Radgrab und mehrere Bildsteine sehen. Diese Schiffsetzungen (auf Schwedisch Skeppssättning genannt) werden durch große Steine und Findlinge gebildet, die in der Form eines Bootes angeordnet sind. Innerhalb dieser Schiffssetzung oder direkt daneben fand man Steinkisten mit zahlreichen Urnen. Man kann zwischen großen Schiffsetzungen aus der Zeit des Übergangs von der Bronze- zur Eisenzeit und kleineren Schiffsetzungen unterscheiden, die deutlich später aus der Zeit stammen, als die Wikinger die Insel beherrschten, also zwischen 800 und 1150 n.Chr. unterscheiden. Die Steine sind so angeordnet, dass sie einen Schiffsrumpf markieren, der in Nord- Süd-Richtung angelegt ist. Am niedrigsten sind die Steine in der Bordmitte, am höchsten am Bug und am Heck, wo die Findlinge bis zu 4m in die Höhe ragen können. Von diesem allgemein verbreiteten Typ weichen die Schiffsetzungen auf dem Gräberfeld von Domarlunden und Askeberga auf Gotland ab, die nicht aus Findlingen, sondern aus flachen Kalksteinplatten errichtet worden sind. Einige dieser 350 Schiffsetzungen, die man auf Gotland entdeckt hat, sind manchmal mehr als 40m lang. Einige dieser Gotländische Schiffe waren ursprünglich mit einem Stein-Erdhügel aufgefüllt. Gräber in Form von Schiffsetzungen kann man auch außerhalb Gotlands auf dem Schwedischen Festland sehen. Besonders zahlreich sind sie in der Umgebung des Mälarsees. Hier haben die Wikinger ihre Spuren hinterlassen und Begräbnisstätten für ihre verstorbenen Könige und Stammesführer errichtet, damit sei ihre Bootsfahrt ins Jenseits antreten konnten. Neben diesen mächtigen Grabanlagen in Form von Schiffen haben die Winkinger auf Gotland vor allem mehr als 440 Bildsteine als bleibende steinerne Landmarken hinterlassen. Man findet diese Bildsteine auch, wenn auch viel seltener, auf der der Insel Öland und entlang der schwedischen Ostseeküste. Einige stehen noch seit Jahrhunderten an ihren Originalplätzen, oft mitten in einem Feld versteckt, andere wanderten in die Museen von Bunge und Visby, viele wurde aber auch einfach in die mittelalterlichen Kirchen Gotlands eingebaut. Die Vorderseite dieser bis zu 3m hohen Billedsten, wie sie auf Schwedisch heißen, ist mit zahlreichen Ornamenten und Szenen aus dem Leben der Wikinger verziert. Diese Bildsteine dienten den Wikingern als Grabsteine. Es lassen sich drei Typen unterscheiden: Die ältesten Bildsteine, die zwischen 400 und 600n. Chr., also während der Zeit der Völkerwanderungen entstanden, hatten noch eine recht einfache Form mit einem Rechteck aus schwach aus leicht konkaven Seite und einer konvexen Oberkante. Als Motive sind auf diesen frühen Grabsteinen Spiralen oder Wirbel zu sehen, die oft kreisförmig von Tieren umgeben sind. Etwas später datieren die sogenannten Zwergsteine (500 bis 700 n.Chr.), die niedriger waren und einen axtförmigen Umriss hatten. Auf diesen Bildsteinen tauchten die ersten Segelschiffmotive neben den bereits bekannten Tiergestalten auf. Die jüngsten Bildsteine datieren aus dem Zeitraum zwischen 700 und 1100 n.Chr. sind wesentlich größer mit einem trapezförmigen Grundkörper und einem rundlichen Kopf darüber. Segelschiffe, Pferde- und Kampfszenen, Motive aus Heldenepen und der Verehrung ihrer Götter ziehen sich in mehreren horizontalen Reihen über die Vorderseite des Steins, während die Ränder mit Schlingen- und Rankenmustern verziert sind. Später dominieren Wikingerschiffe auf den Steinen, die Aufschluss über die Form und Besegelung geben. Auf Grund dieser detailgetreuen Darstellungen war es möglich, die Reste gefundener Wikingerboote zu restaurieren und die Schiffmodelle der Wikinger nachzubauen. Die jüngsten Steine sind mit Runenzeichen bedeckt und einige zeigen bereits Kreuze als christliches Motiv. Diese Europa einmaligen Bildsteine wurden von den Bewohner Gotlands zum Gedenken ihrer Toten an Wegrändern und auf Gräberfeldern, später auch an ihren Versammlungsplätzen aufgestellt. Die Motive dieser Bildsteine gewähren einen Einblick in die Welt der nordischen Götter und die Vorstellungen der Gotländer vom Jenseits. Auf einigen Bildsteinen sieht man im oberen Teil einen Toten, der auf Odins achtbeinigen Ross Sleipnir hinaus ins Walhall reitet und dort von einer Walküre mit einem Trinkhorn empfangen wird. Auf anderen Steinen sind Menschenopfer zu sehen. Mal hängt ein Mann an einem Baum, mal liegt ein Mensch auf einem Altarstein. Da es keine schriftlichen Dokumente aus dieser Epoche gibt, sind diese Steinritzungen und Zeichnungen auf den Bildsteinen die einzigen erhaltenen Zeugnisse aus der Blütezeit der Wikinger. Das Radgrab (Schwedisch Hjulgarv) ist eine weitere Grabform aus der Eisenzeit zwischen 500 v. und 550 n. Chr., die man auf Gotland, aber auch auf dem schwedischen Festland und im dänischen Jütland findet. Diese Radgräber haben Durchmesser zwischen 10 und 25m. Der Außenkreis und die Speichen werden aus kleinen Steinen gelegt. Oft steht im Mittelpunkt des Radgrabes eine Steinkiste, bei den gotländischen Radgräbern von Linde und Stenkyrka sind es sogar zwei Steinkisten. Bei dem Radgrab von Stenkyrka sind die Steinkisten von einem Rundhaufen aus Steinen bedeckt. Solch ein Steinkistengrab wird aus vier plattenförmigen Steinen gebildet, die in den Boden eingelassen und mit einem Block oder einer Steinplatte abgedeckt werden. Kleinere Steinkisten haben keine Öffnung, größere haben einen Eingang, der als Seelenloch diente.






Einer der bekanntesten Bildsteine Gotlands aus dem 8. Jahrhundert n. Chr., aufgestellt im Freilichtmuseum von Bunge Museum, aus dem 8. Jahrhundert n.Chr.

Foto: Jürgen Howaldt, Creative Commons License 2.0 Germany)










Bis heute rätselhaft ist die Bedeutung des Gräberfeldes Trullhalsar in der Nähe von Anga an der Ostküste Gotlands. Trullhalsar d.h. soviel wie Trolle mit emporgereckten Hälsen, und wie Trolle ragen die großen Steine aus den Steinringen empor. Das riesige Gräberfeld setzt sich aus 350 Einzelgräbern in Form von Steinhügelgräbern, Steinsetzungen und Richterringen zusammen. Besonders häufig sind die runden Steinsetzungen aus der Zeit der Vendel vertreten. Diese Gräber werden von im Kreis angeordneten Steinfliesen eingefasst. Einige dieser Steinsetzungen sind in der Mitte mit einem runden Stein, der sogenannten Grabkugel, verziert. Eine weitere Bestattungsform stellen die Steinkreise der Richterringe dar, auf Schwedisch Dormaringar genannt.