Ahnenkult, Bestattungsriten und Grabmäler der Madagassen

Auch wenn die Madagassen schon vor langer Zeit während der Kolonialzeit mehr oder weniger zwangsweise erfolgreich missioniert wurden, mehr als 40% der Madagassen christlichen Religionsgemeinschaften angehören und auch Muslims einen größeren Teil der Bevölkerung ausmachen, sie haben sich nie völlig von ihren Traditionen und den von Europäern etwas abwertend als Ahnenkult bezeichneten Ritualen gelöst. Der Tod und die Verehrung ihrer Verstorbenen spielen nach wie vor eine zentrale Rolle im Leben vieler Madagassen. Die Madagassen glauben an die Unsterblichkeit der Seele und des Geistes eines Menschen. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich die Loslösung von Geist und Seele vom Körper über Wochen und Monaten hinzieht. Eine Redensart der Madagassen sagt, dass der Körper des Verstorbenen während der aufwendigen Beerdigungszeremonien aus der Holztür eines Wohnhauses in die Steintür des Grabes wechselt. So kommt es, dass in vielen Dörfern die steinernen Gräber aufwendig gebaut und für die Ewigkeit errichtet werden, während die Lebenden in schlichten Holzhütten leben. Im Gegensatz zum Christentum, wo man sich einen Platz im Himmel erst durch ein Gott gefälliges Leben verdienen muss und am Jüngsten Tag entschieden wird, wer in den Himmel aufsteigt und wer in ewiger Verdammnis in die Höhe geschickt wird, gibt es diese Unterschiede in der Vorstellungswelt der Madagassen nicht. Die Seelen aller Verstorbenen gehen in das gleiche Schattenreich hinüber unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung oder ihren Verdiensten im früheren Leben. Eigentlich eine sehr humane Vorstellung! Mit der fortwährenden Erinnerung und der Verbundenheit an ihre Ahnen, halten sie Kontakt zu den Seelen der Verstorbenen. Den ihre Verstorbenen sollen eine Mittlerrolle zwischen ihrem Gott Zanahary und den Menschen spielen und als Fürsprecher gelten, um das irdische Schicksal ihrer lebenden Nachfahren zum Guten zu wenden. So müssen die Toten gebührend verehrt und in Erinnerung behalten werden, um Leid von der Familie abzuwenden. Die Ahnen dürfen nicht provoziert oder geärgert werden, das könnte böse Folgen für das irdische Leben der Hinterbliebenen haben. Der Verstorbene bleibt auch weiterhin mit der Familie eng verbunden. Und egal wohin die Madagassen auf der Suche nach Arbeit und Lebensunterhalt ziehen müssen, ihre Heimat bleibt immer das Dorf ihrer Familie. So ist es für den Madagassen eine überaus harte Strafe, wenn er nicht im Familiengrab beigesetzt werden kann. Bei den meisten Stämmen des Hochlandes werden daher die Verstorbenen in ihrem Familiengrab Razana beigesetzt. Das Begräbnis ist dabei kein Anlass zur Trauer, sondern ein Fest, bei dem die Wandlung des Menschen von seinem irdischen Körper in ein Existenz als reine Seele eingeleitet wird.

Bei den Volksgruppen der Betsileo und der Merina steht nicht die Erstbestattung, sondern die spätere Umwendung der Toten, die -> Famadihana im Mittelpunkt der Verehrung des Toten. Bei dem Stamm der Sakalva wird dieser Brauch Fitampoha, die ewige Ruhe, genannt.
Im Gegensatz zur Famadihana, die jedem Dorfangehörigen zusteht, beschränkt sich bei den Sakalava die Fitampoha auf die Verehrung der verstorbenen Könige der Sakalava. Die Fitampoha wird daher auch das Bad der königlichen Reliquien genannt. In Belo, wo die Könige der Sakalava begraben liegen, wird dazu in Abständen von etwa 5 Jahren ein großes Fest veranstaltet. Im Leben der Sakalava stellt dies Fest eines der größten Höhepunkte in seinem Leben dar und jeder vom Stamm der Sakalava sollte wenigstens einmal in seinem Leben daran teilgenommen haben. Zu diesen Feierlichkeiten kommen die Stammesangehörigen der Sakalava aus ganz Madagaskar in Belo zusammen. Die Gräber ihrer Könige werden geöffnet, die Reliquien und Grabbeigaben entnommen und einer langen Prozession bis zum Fluss hinunter getragen. Im Flusswasser werden diese Reliquien dann gewaschen. Die Reliquien - das sind oft nur Haarbüschel, Fingernägel oder Hautfetzen, die den Königen schon zu ihren Lebzeiten abgenommen wurden. Dazu tanzt die ganze Menge ausgelassen und steigert sich immer mehr in eine Extase hinein, bis einer der Anwesenden in einen Trancezustand fällt und der Geist des Toten durch dies Medium seine Wünsche mitteilt. Und die Anwesenden versuchen dann ihm diese Wünsche zu erfüllen. Mit der Prozedur der Reliquienwaschung im Flusswasser schlägt die feierliche Stimmung in ein ausgelassenes Freudenfest um. Die Teilnehmer müssen eine ganze Reihe von Geboten und Verboten, den sogenannten Fadys, beachten. Dazu gehört, dass man die Beine mit Kleidern bedeckt, aber barfuß läuft. Und das man einen Fläschchen Rum mit ans Grab bringt, ein paar Tropfen Rum dem Toten zu ehren auf den Boden schüttet und den Rest dann selbst trinkt.
Sichtbarer Ausdruck der Verehrung ihrer Verstorbenen und Ahnen sind die aufwendigen Grabstätten, auf die man in Madagaskar, aber besonders im Hochland, immer wieder stößt. Form, Material und Ausstattung sind von Stamm zu Stamm verschieden und charakteristisch für die jeweilige Region. Viele dieser Grabstätten sind seit Generationen in Familienbesitz und das Land auf das Familiengrab liegt darf auf keinen Fall verkauft werden.
Das Bedürfnis im eigenen Familiengrab bestattet zu werden ging früher sogar so weit, bei Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Stämmen Sklaven die Krieger begleiten mussten, um die im Kampf Gefallenen in ihr Heimtdorf zurückzubringen, damit sie dort im Familiengrab bestattet werden konnten.
Viele dieser Grabstätten, besonders aber die Königsgräber, sind mit zahlreichen Fadys belegt, und es wird erwartet, dass sich Fremde an diese Regeln und Tabus halten. Manche Gräber dürfen von Touristen grundsätzlich nicht aufgesucht, bei anderen ist zuvor die Erlaubnis beim Dorfältesten oder den Familienangehörigen einzuholen. Oft wird erwartet, dass man eine kleine Spende in Form von einigen Scheinen, etwas Rum oder Reis gibt, dann wird das Permit meist erteilt. In jedem Fall tut man gut daran, sich einem rostkundigen Reiseleiter anzuschließen, der mit den örtlichen Gegebenheit und Fadys vertraut ist und zu dem die Einheimischen Vertrauen haben.

 




Alte Steingräber im Hochland von Madgaskar
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Die Mahafaly, eine kleiner Stamm von Hirten und Bauern an der Südwestküste von Madagaskar, sind bekannt für ihren Grabanlagen, die immer in Rechteckform angelegt werden. Die Wände sind mit Steinmetzarbeiten, geometrischen Gravuren und Fresken reichlich verziert. Die Gräber werden mit hölzernen Stelen, an deren Spitze aus Holz geschnitzte Personen, Rinder oder Reittiere zu sehen sind, und mit Rinderhörner geschmückt.

 


Madgassisches Grab mit Zebuhörnern und geschnitzten Stelen im Berenty Reservat im Süden Madagaskars

Foto: Moongateclimber, Creative Commons License, Attr.-Share Alike 3.0 Unported)







Die Betsileo, ein größer Stamm im Süden des Hochlkand, die vom Reisanbau leben und für ihre Terrassen und Bewässerungskanäle berühmt sind, stellen auf ihre Gräber reich verzierte Holzstelen, die oft bis zu 10m hoch und mehr sein können. Diese Grabstelen werden Teza genannt, in der Sprache der Betsileo sind sie das Herz des Baumes.

Die Bezanozano, ein kleiner Stamm im Nordosten des Hochlandes schmücke ihr aus Holz egfertiten Grabstelen, Tsikfana genannt, mit Büffelhörner. Je merh Büffelhörner zu sehen sind, desto war das Ansehen des Verstorbenen.

Die Antaimoro, ein Stamm an der Südostküste Madagaskars, stammen von Arabern haben und sind Muslims. Sie haben auch heute ein Kastensystem, indem jedem Dorfbewohner seine gesellschaftliche Stellung von Geburt an zugewiesen wird. Männer und Frauen leben weitgehend getrennt und werden in unterschiedlichen Gräbern bestattet. Ihre Königsgräber liegen im Dorf Ivato und können auf Anfrage auch besichtigt werden.

Bei den Sakalava schließlich werden die Gräber eingezäunt und von einem Wächter, dem Vatobe, bewacht. Trotzdem wurden in der Vergangenheit immer wieder die kunstvoll geschnitzten Figuren von Grabräubern gestohlen und an Völkerkundemuseen oder Privatsammler verkauft.